Flammendes Inferno Bayernoil groß

Wie die Vohburger die Kathastrophe verarbeiten

Von Susanne Lamprecht

Es war ein gewaltiger Knall, gefolgt von einem dumpfen Rumoren, das die Bewohner Vohburgs, seiner Ortsteile, aber auch der umliegenden Gemeinden am frühen Morgen des vergangenen Samstags aus dem Schlaf riss. „Wie ein Bombeneinschlag“, sagten manche später, „wie ein Blitz¬einschlag direkt neben dem Bett“, oder „wie ein Erdbeben“, meinten andere. Tatsächlich war es nichts davon – viel mehr hatte um kurz nach fünf Uhr am Morgen eine gewaltige Explosion die Bayernoil Raffinerie in Irsching erschüttert. Eine riesige Stichflamme und ein Brand, der Anwohner und Rettungskräfte bis in den Nachmittag in Atem halten sollte, waren die Folge.
Wie genau es zu dem Unglück kam, kann bisher noch niemand sagen. Ebenso wenig, wie hoch der Schaden ist, der an Raffinerie wie auch an vielen Häusern entstanden ist. Jetzt, eine Woche später, sind die Aufräumarbeiten immer noch in vollem Gange: Dächer, die von der Druckwelle abgedeckt und noch am Unglückstag mit den teils kaputten Dachziegeln notdürftig gedeckt wurden, werden repariert. Unzählige Handwerker-Fahrzeuge säumen die Straßen. „Ich bin mit den Nerven komplett fertig“, sagt eine Frau aus Irsching, die ihr Dach gerade zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage deckt.
Verdenken kann man es ihr nicht. Herrschte wärend der Katastrophe selbst noch eine fast schon erstaunliche Ruhe im Ort, kamen mit den Aufräumarbeiten die Sorgen. „Wer zahlt das und wann“, fragten sich viele. Wie geht es jetzt mit der Raffinerie und den Menschen, die dort arbeiten – viele davon stammen aus Vohburg und seinen Ortsteilen – weiter? Was, wenn wieder etwas passiert?
Verspricht die Raffinerie, sich um den Schaden zu kümmern, bleibt vieles andere ungelöst: „Es ist schon ein komisches Gefühl, ganz normal zur Schicht zu gehen“, sagt ein Vohburger, der seit Jahrzehnten bei Bayernoil beschäftigt ist. Irgendwie unwirklich sei es am ersten Tag gewesen. Nicht beängstigend, aber merkwürdig und „fast schon gespenstisch, das so zu sehen.“
„Wie im Krieg“, sagt ein anderer Mitarbeiter, der es sich bei einer Raucherpause zwischen den Aufräumarbeiten vor der Pforte gemütlich gemacht hat und versonnen auf das blickt, was von seinem Arbeitsplatz noch übrig ist.
Trotzdem, so beunruhigend das Unglück für alle Beteiligten auch war, so blank die Nerven bei vielen Betroffenen liegen, so groß die materielle Zerstörung ist, im Grunde haben Vohburg und seine Bewohner Glück im Unglück gehabt.
Das Wichtigste dabei: Es gab keine Toten. „Wie durch ein Wunder“, sagt Vohburgs Bürgermeister Martin Schmid dieser Tage bei vielen Gelegenheiten und fast immer verbunden mit dem Dank an die Rettungskräfte, die bei dem Unglück wieder einmal gezeigt haben, aus welchem Holz sie geschnitzt sind.
Ganz vorne mit dabei Aktive der Freiwilligen Feuerwehr Irsching, die nur 10, 15 Meter vom Brandherd entfernt Wasserwerfer aufbauten und bespeisten. „Das gehört dazu“, sagt manch einer von ihnen im Nachgang und berichtet weniger von dem, was er selbst geleistet hat als vielmehr von der Leistung der anderen. Der der Werksfeuerwehr zum Beispiel, „die großartige Arbeit geleistet und eine unglaubliche Ruhe und Professionalität ausgestrahlt hat“. Dem Pförtner, der in der völlig zerstörten Pforte fast schon ungerührt seinen Dienst verrichtet hat und irgendwann um eine Zigarette bat, „weil es jetzt auch wurscht ist, wenn ich wieder mit dem Rauchen anfange.“
Überhaupt gibt es viele kleine Geschichten inmitten dieser Katastrophe, die unter anderen Umständen fast schon lustig wären. Die von der Frau etwa, die vor der Evakuierung unbedingt noch frühstücken wollte. Oder von der Kundin beim Bäcker, die am liebsten den ganzen Laden aufkaufen wollte und von einer alt eingesessenen Vohburgerin beruhigt wurde: „Bei uns gibts öfter Katastrophenalarm. Des is net so schlimm.“ Und dann kam noch die Frage auf, ob es im örtlichen Hühnerhof wohl Todesfälle im Bestand gegeben hätte und ob der Betreiber jetzt ein Grillfest veranstaltet.
Manchmal, das zeigte das Unglück, liegen Tragödie, Galgenhumor und Zusammenstehen und gegenseitiges Unterstützen eben ganz nah beieinander. „Und wir können froh sein, dass das hier noch so ist“, finden nicht nur die Betroffenen.

 button

tip Senioren heute