Der Kommissar geht umschotgr

Bram Schot, der kommissarische Chef von Audi, würde gerne neue Akzente setzen und wohl auf Dauer den Herrn der Ringe geben


Von Michael Schmatloch

Er hat noch immer großen Rückhalt bei den Familien Porsche und Piech. Selbst Niedersachsens Ministerpräsident Weil ist auf seiner Seite. Rupert Stadler, der Audi-Chef, dem bislang nichts, aber auch gar nichts etwas anhaben konnte, der mehrfach Totgesagte, wurde wegen seiner möglichen Verstrickung in die Abgasaffäre vor zwei Wochen in seinem Haus verhaftet und in Untersuchungshaft gesteckt. Auf eigenen Wunsch beurlaubt schickt sich nun einer an, alles zu tun, damit das auch so bleibt. Bram Schot, Frischling beim Ingolstädter Autobauer und kommissarischer Chef bei den vier Ringen, setzt Tage nach seiner provisorischen Inthronisation Zeichen, die darauf hindeuten, dass er wohl gerne in dem durchaus lukrativen Sessel sitzen bleiben würde.
Einen neuen Kurs und eine Abkehr von dem Stadlers hat er schon mal angedeutet, obschon er bislang kaum mehr ist als Audi-Chef aus Verzweiflung. Denn Audi und auch VW gehen allmählich die führenden Köpfe aus, bei denen man sicher sein kann, dass der Staatsanwalt nicht eines Tages auch vor ihrer Tür steht.
Dass Vorstände bei Audi – von Stadler abgesehen – eine Haltbarkeitsdauer haben, die in etwa einer Packung Frischkäse entspricht, haben die zurückliegenden Monate anschaulich unter Beweis gestellt. Aber auch, dass die so oft zitierten Audi-Gene nicht mehr zählen. Der Ingolstädter Premiumhersteller, vom Familienunternehmen „Union“ längst zum Weltkonzern mutiert, wechselt – wie nicht nur in dieser Branche üblich – Führungskräfte wie Oberhemden, zahlt dementsprechende Millionenabfindungen und lässt die einst auf ihren Arbeitgeber so stolzen Audianer verunsichert und demotiviert zurück.
Nun also müssen sie sich erneut auf eine neue Windrichtung einstellen, auf neue Akzente, die ein Vorstandsvorsitzender – auch wenn er es nur kommissarisch ist – setzt, um zu zeigen, dass er der richtige Mann ist für die Zukunft von Audi.
Wenn Bram Schot sich vom Kurs Rupert Stadlers vorsichtig distanziert, die Gegenwart des Autoherstellers stärker in den Fokus rücken will als das Jahr 2030, weil die Probleme von Audi jetzt akut sind, dann ist diese Erkenntnis nicht gerade revolutionär. Selbstredend könnte man mutmaßen, Schots Sinn für die Gegenwart sei angebrachter als die visionären Sphären, in denen Stadler zu Hause war.
Andererseits haben gerade das Fehlen von Visionen und der zugunsten der Konkurrenten weitgehende Verzicht auf echte Innovationen dazu geführt, dass das Wort vom „Vorsprung durch Technik“ zu einem blutleeren Werbespruch verkommen ist.
Ohne jeden Zweifel: Probleme hat Audi derzeit sicherlich genug. Und das ist nicht nur die Abgaskrise, sondern auch im Grunde unglaubliche Versäumnisse wie die verschlafene Umstellung auf den neuen WLTP-Zyklus. Was dazu geführt hat, dass zahlreiche Modelle von Audi nicht mehr bestellbar sind und deswegen im Spätsommer der Wegfall von Schichten droht.
Ob diese Probleme mit Bram Schot leichter zu lösen sein werden als mit dem bei seinen Leuten überaus beliebten „Struppi“, wie Rupert Stadlers Spitzname aus Tittinger Zeiten lautet, das muss sich weisen. Mit Parolen wie „Statt große Worte zu machen, große Taten schaffen“ alleine wird das kaum gelingen. Und den Fokus zurückzuholen aus dem Jahr 2030 in die krisengeschüttelte Jetztzeit ist ohne Zweifel auch deshalb ganz elegant, weil das Jahr 2030 nicht nur für eine neue mobile Zukunft steht, sondern auch für ein ganz anderes Problem, den ob neuer Produktionsgegebenheiten massiven Verlust von Arbeitsplätzen.
Dass Bram Schot gerne auf Dauer den Audi-Chef geben würde, ist verständlich. Anderseits: Wenn schon eine Neubesetzung, dann doch bitte wieder mal einen Techniker. Denn die haben Audi groß gemacht. Schot ist nun mal ein Vertriebsmann. Doch der Slogan, den es erneut mit Leben zu füllen gilt, heißt nun einmal „Vorsprung durch Technik“ und nicht „Vorsprung durch Vertrieb“.

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